Wer ist eigentlich … Ayodele Adetula

Der rot-weisse Flügelspieler im Porträt.

Wie beginnt ein gutes Spielerporträt? Vielleicht so: „Wenn man Fans im Rücken hat, das pusht mich total, auch die Gegnerfans, die pfeifen. Wie ist das erst, wenn man dann irgendwann gegen Bayern vor 70.000 steht? Ich will ja irgendwann auch mal höher spielen. Am besten mit RWE, das wär‘ perfekt.“

Ayodele Adetula ist 21 und damit 91 Jahre (und acht Tage) jünger als sein neuer Verein. Schon an seinem ersten Arbeitstag bei Rot-Weiss Essen lernt er die Vorteile eines etwas betagteren Clubs kennen, dessen Fans im Sommer auch dank einiger vielversprechender Transfers wieder Feuer und Flamme sind.

Zum Auftakt besucht seine Freundin das erste Mannschaftstraining. Beim Aussteigen aus dem Bus fragt sie einen RWE-Fan nach dem Weg zum Stadion, sie kommen unterwegs ins Quatschen. Als der Essener hört, dass die beiden noch keine Wohnung gefunden haben, schaltet er sogleich seinen Vater ein – der ist Immobilienmakler. Einen Tag später ist die Wohnungssuche erfolgreich abgeschlossen und Essen-Frillendorf hat drei Bewohner mehr: Ayo, seine Freundin und ihren Zwergspitz Ivy.

Die Jugend im Norden
Eine gewisse Fußballbegeisterung ist nicht neu für Ayodele: Er wächst als Einzelkind in Bremen auf, wo seine Eltern bis heute leben. Der Vater ist Taxifahrer, erst nur nebenbei, dann hauptberuflich, die Mutter ist Lehrerin und arbeitet inzwischen in einem Tee- und Kaffeeladen. Mit vier oder fünf Jahren beginnt er bei seinem Heimatverein Werder Bremen mit dem Fußballspielen. Der beidfüßige Rechtsdribbler durchläuft zehn Jahre lang die Jugendmannschaften, meistens als hängende Spitze. Bis zur U15 kann er so zuhause wohnen bleiben, während er seinen Traum vom Fußballprofi verfolgt. Auch Alexander Hahn lernt er hier schon gut kennen – er spielt einige Jahrgänge über ihm in der Bremer Jugend.

Nach der Grundschule geht es dabei zuerst auf ein Gymnasium. Das läuft auch erst ganz gut, aber nach eineinhalb Jahren geht es nicht mehr weiter. „Ich hätte entweder ein bisschen weniger Fußball spielen und mehr lernen können, oder auf die Realschule wechseln.“

Zur U16 wechselt Ayo dann zu Eintracht Braunschweig, seinem letzten anderen Verein vor RWE. Die Eltern sind traurig, dass der Sohn so früh geht. „Nach einer Zeit hat sich das dann aber auch gelegt. Ich war halt jung.“ Er wohnt er in einer Jugendspieler-WG mit 19-jährigen zusammen, das ist am Anfang nicht immer leicht: Die älteren Spieler gehen aus, er selbst ist dafür zu jung und langweilt sich viel. Nach einem halben Jahr bessert sich die Lage, er findet viele Freunde und wird schon im Winter in die U17 hochgezogen. Im ersten Spiel wechselt der Trainer ihn gleich ein und er schießt ein Tor – ausgerechnet gegen Werder Bremen.

In der Braunschweiger U19 wechselt Ayodele dann dauerhaft von der falschen Neun auf die linke Außenbahn. Von dort aus erlebt er gleich sein erfolgreichstes Jugend-Jahr und wird interner Torschützenkönig beim Gewinn des DFB-Pokals. Da trainiert er auch schon bei den Profis mit, nach einem weiteren Teilzeit-Jahr in der U23 rückt er zur vergangenen Saison dann fest in den Drittliga-Kader auf. Er steht kurz vor dem großen Schritt zum Profi-Fußballer.

Zum Profi im Westen
Am ersten Spieltag steht Ayo im Kader, wird sogar eingewechselt – danach wird er nicht mehr berücksichtigt. Braunschweig spielt eine Horror-Saison, findet sich früh abgeschlagen auf dem letzten Platz wieder. Trainer Henrik Pedersen steht massiv unter Druck, kann sich in dem brisanten Umfeld keine Experimente mit jungen Spielern erlauben. Nachfolger André Schubert soll die Rettung bringen – auch er kann den Fokus kaum auf die Nachwuchsförderung setzen. Im Winter will der Verein trotzdem mit Ayo verlängern und ihn bis zum Sommer verleihen – an einen abstiegsbedrohten Regionalligisten. Weil er nicht glaubt, in der nächsten Saison genügend Einsätze zu bekommen, widerspricht er den Plänen und trainiert und spielt daraufhin nur noch bei der U23 in der Oberliga Niedersachsen.

Zum Sommer braucht er also einen neuen Verein, entscheidet sich bald für Rot-Weiss Essen.
Dass seine Freundin aus Düsseldorf kommt und nun wieder nah bei ihrer Familie sein kann, spricht natürlich für das Ruhrgebiet. Die hohen Ziele des Vereins, die Aufbruchsstimmung, das Umfeld, das vielgenannte „Projekt“: All das spielt eine wichtige Rolle für den jungen, aufstrebenden Spieler. Ayo ist überzeugt davon, sich an der Hafenstraße weiterzuentwickeln. Die Voraussetzungen stimmen jedenfalls: „Ich weiß ja nicht, wie’s vorher war, weil ich hier nicht gespielt habe, aber auch im Vergleich mit Braunschweig ist es sehr professionell.“

Der Tagesablauf der Mannschaft stärke das Teamgefüge. Um neun Uhr gibt es Frühstück, viele machen ihre Stabilitätsübungen davor, manche danach. Jeder hat einen eigenen Plan, an den er sich hält. Vor dem Training gibt es Aktivierungsübungen mit dem Athletiktrainer im Stadion, um Elf wird trainiert. Dabei wird per Brustband permanent die körperliche Belastung überprüft. Wer am Limit ist, wird geschont. Das reduziert das Verletzungsrisiko – bisher ziemlich erfolgreich.

Offenbar gelingt dem Trainerteam auch der Drahtseilakt zwischen der Forderung nach Bestleistung und Verständnis für seine Spieler: In Rödinghausen muss Ayodele auf der Tribüne sitzen, auch gegen Wattenscheid spielt er nicht. Christian Titz erklärt ihm, dass er hier körperlichere Spieler braucht, die weniger verspielt sind, stärker anlaufen und die Linie entlang gehen. Ayo ist als Rechtsfuß auf Links streng genommen eine „invertierter Flügelspieler“, seine Stärke liegt im Zug nach Innen.

Gegen Oberhausen braucht er dann mehr Wirbel in der Mitte, Ayo kommt rein, macht mit dem 3:0 den Deckel drauf – und hat noch mehrere Chancen auf ein weiteres Tor. Von Frust keine Spur. „Das offensive Eins-gegen-Eins ist schon meine Stärke. Wenn ich mit Tempo auf den Gegner zu dribbeln kann. Läufe in die Tiefe. Und mein Abschluss: Ich bin beidfüßig und der Gegner weiß nie, ob ich mir den Ball nun auf links oder auf rechts lege, um zu schießen.“

Im Gespräch vor dem Spiel sagt Ayo noch: „Ich habe das wie gegen Köln noch nicht erlebt, dass wir das Siegtor machen und so jubeln.“ Gegen Oberhausen dürfte es sich noch ein wenig besser angefühlt haben, mit dem 3:0 selbst den Deckel drauf zu machen und sich von einem ziemlich vollen Gästeblock feiern zu lassen. Dabei ist Ayo eigentlich zum Anfang eher ruhig. „Aber wenn ich Leute gut kenne bin ich auch offen. Ich bin ein sehr ehrgeiziger Typ, aber auch hilfsbereit.“ Er wird dem Verein sicher noch öfter helfen können. RWE und Ayodele Adetula lernen sich gerade erst kennen.