Rückblickende Worte

Vorstand Marcus Uhlig und Sportdirektor Jörn Nowak richten sich an die RWE-Fans.

Nachdem die Coronakrise auch an der Hafenstraße lange die Schlagzeilen bestimmte, waren es in den vergangenen Tagen Personalentscheidungen. Am Mittwoch haben wir uns von unserem Chef-Trainer Christian Titz getrennt. Die Trennung wurde auf verschiedenen Plattformen fleißig und auch durchaus kontrovers diskutiert - mit einigen falschen Behauptungen in diesen Diskussionen möchten wir aufräumen. Eine solch wichtige Entscheidung bedarf langer und intensiver Abwägung aller relevanten Aspekte und letztendlich handelt es sich dabei um die unangenehme Seite unseres Berufes. Doch ebenso wenig wie wir durch diese Entscheidung „blind mit Geld um uns werfen“, fällen wir einen solchen Beschluss leichtfertig. Dessen kann sich jeder RWE-Fan sicher sein. 

Dabei ist durch die mediale Berichterstattung der Eindruck entstanden, dass unsere Mannschaft die Trennung von Christian Titz gefordert oder sogar aktiv forciert haben soll. Dem widersprechen wir vehement! Unsere Mannschaft hat einen einwandfreien und leistungswilligen Charakter. Alle unsere Spieler eint der Wille, RWE endlich wieder nach oben zu führen und sie sind absolut bereit, hierfür viel zu investieren. Nicht ohne Grund haben wir in der abgebrochenen Saison viele Punkte insbesondere durch eine enorme Willensleistung in den letzten Spielminuten erarbeitet. Wer unsere Spiele in Wuppertal oder in Dortmund gesehen hat, kann nicht ernsthaft am Charakter der Mannschaft zweifeln. Unsere Spieler identifizieren sich zu einhundert Prozent mit unserem Verein, den ambitionierten Zielen und insbesondere den Menschen, die diesen Verein so besonders machen. Es ist jeder herzlich eingeladen, unseren Trainingseinheiten beizuwohnen und sich ein eigenes Bild von der Arbeitseinstellung und der Leistungsbereitschaft zu machen. In diesem Kontext wollen wir auch mit dem Märchen des eingeführten „8-Stunden-Tages“ aufräumen. Es ist richtig, dass gerade in der Anfangsphase der Saison - vor allem aber in der Sommervorbereitung - teilweise zwei Trainingseinheiten und ein Workshop auf dem Tagesplan standen. Durch gemeinsames Frühstück und Mittagessen hat sich an diesen Tagen eine fußballuntypische längere Arbeitszeit ergeben. Die Ausdehnung der Arbeitstage erfolgte also situativ und war dann jedes Mal inhaltlich begründet, keinesfalls jedoch wurde eine permanente Regelarbeitszeit eingeführt. Außerdem gab es diesbezüglich keinerlei Meinungsverschiedenheiten und schon gar kein intervenierendes, das Trainerteam in seiner Handlungsfreiheit beschränkendes Einschreiten der Vereinsführung. 

Wir - Marcus Uhlig und Jörn Nowak - haben die Entscheidung, den Cheftrainer erneut zu wechseln, in Absprache mit dem Aufsichtsrat einzig aus der Bewertung unserer eigenen Wahrnehmung heraus - basierend auf einer tiefgründigen und umfangreichen Analyse aller relevanten Aspekte - getroffen. Wir sind überzeugt davon, dass dieser Schritt im Hinblick auf die perspektivische Weiterentwicklung unseres Vereines alternativlos war. Es ist bedauerlich, dass wir zu diesem Entschluss kommen mussten. Christian Titz und wir haben uns gemeinsam darauf verständigt, auf die inhaltlichen Gründe der Trennung im Einzelnen öffentlich nicht näher einzugehen als in der gemeinsam abgestimmten Meldung. Das mag den einen oder anderen stören – Stichwort Transparenz – wir werden uns aber daran halten. Außerdem entspricht die Netto-Botschaft, dass wir uns sowohl in der Bewertung der abgelaufenen wie auch in der strategischen Planung der neuen Saison zu stark in den Meinung unterschieden haben, zu einhundert Prozent der Wahrheit. Und genau das ist am Ende entscheidend. Wir halten das Erreichen unserer ambitionierten Ziele für zu gefährdet und haben deshalb reagiert. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass wir trotz allem in den letzten 12 Monaten sportlich einen großen Schritt von der Stelle gekommen sind.

Uns ist es gelungen, mit Christian Neidhart unseren Wunschkandidaten für die Nachfolge von Christian Titz für uns zu gewinnen. Wir sind überzeugt davon, dass Christian Neidhart sowohl fachlich als auch von seiner Persönlichkeit her der passende Trainer für die Hafenstraße ist. Er hat in den letzten sieben Jahren konstant erfolgreich für den SV Meppen gearbeitet. Und deshalb glauben wir auch, dass wir mit ihm gemeinsam neben den sportlichen Zielen auch ein weiteres Ziel erreichen können: Kontinuierlich gemeinsam im Team etwas aufzubauen. Wir haben schon registriert, dass der eine oder andere kritisiert hat, dass unser schon mehrfach formulierte Wunsch nach Ruhe und Kontinuität „mal wieder“ durch den erneuten Trainerwechsel nach nur 12 Monaten „ad absurdum“ geführt wurde. Um es ganz deutlich zu formulieren: wir stellen die RWE-Uhren in diesem Sommer sicher nicht wieder komplett auf Null, sondern werden den im Sommer 2019 eingeschlagenen Weg vom Grundsatz her konsequent weiter verfolgen, weil wir der festen Überzeugung sind, dass sich in den letzten 12 Monaten viele Dinge richtig gut entwickelt haben. Das gesamte RWE-Umfeld und wir als Vereinsführung an vorderster Front sind zukünftig noch mehr gefordert, alles daran zu setzen, gemeinsam mit Christian Neidhart eine hoffentlich lange und erfolgreiche Zusammenarbeit zu initiieren.

Da mit dem letzten Wochenende verbandsseitig nun auch offizielle und dementsprechend belastbare Entscheidungen getroffen wurden, möchten wir die vergangene Saison nun ad acta legen. Wir haben in den zurückliegenden Wochen und Monaten alles versucht, um unsere sportlich aussichtsreiche Position zu wahren und diese mit der Teilnahme an der Relegation vergolden zu können. Wir sind nach wie vor davon überzeugt, dass unsere Mannschaft den Dreikampf mit Rot-Weiß Oberhausen und dem SC Verl für sich und damit für Rot-Weiss Essen entschieden hätte. Dazu wird es nach der Ablehnung unserer Beschwerde über die Saisonentscheidung zugunsten des SC Verl nicht mehr kommen. Damit ist es für uns an der Zeit, die Saison 2019/2020 hinter uns zu lassen und dem SC Verl zur Teilnahme am Relegationsspiel gegen Lokomotive Leipzig zu gratulieren und viel Erfolg zu wünschen.  

Was bleibt uns von der zurückliegenden Saison? Es bleibt die Gewissheit, als Verein einen großen Schritt in die richtige Richtung gemacht zu haben. Alleine dass uns das Thema Aufstieg in den vergangenen Wochen und Monaten so stark beschäftigt hat, zeigt - nach vielen Jahren der sportlichen Stagnation - eine massive Weiterentwicklung. Natürlich können wir nicht von einer rundum gelungenen Saison sprechen, sonst befänden wir uns nicht auf dem dritten, sondern auf dem ersten Tabellenplatz, doch es überwiegt klar das Positive. Es bleiben emotionale Erinnerungen wie etwa die Siegtreffer in der Nachspielzeit gegen die U23 des BVB oder den Wuppertaler SV, Siege in den Klassikerspielern gegen Alemannia Aachen und Rot-Weiss Oberhausen sowie die beeindruckende Unterstützung von den Rängen. Knapp 11.000 Rot-Weisse besuchten die Spiele an der Hafenstraße und wenn wir beispielsweise an das Auftaktspiel gegen den BVB-Nachwuchs vor 14.500 Zuschauern zurückdenken, bekommen wir noch immer eine Gänsehaut.  

Auf Basis dieser Erinnerungen werden wir uns nun ein paar Tage schütteln, werden uns die letzten „Was-wäre-gewesen-wenn“-Fragen stellen und durchatmen. Dann – so viel können wir schon jetzt versprechen – werden wir mit aller Energie, mit aller Macht, mit aller Wucht, die unser großartiger Verein zu bieten hat, die Saison 2020/2021 angehen. Wir werden das Gerüst unserer Mannschaft, das in der abgelaufenen Saison bereits die nötige Qualität nachgewiesen hat, mit sportlicher Qualität ergänzen und ein schlagkräftiges Team zusammenstellen.  In Kürze gehen wir mit den Informationen zu den hinter den Kulissen bereits geplanten Dauerkartenszenarien für die neue Saison an die Öffentlichkeit, denn auch in der kommenden Spielzeit setzen wir selbstverständlich auf die zahlreiche und lautstarke rot-weisse Unterstützung. 

Wir alle wissen, dass die aktuelle Coronakrise viele Dinge im Fußball und der Gesellschaft ändern wird. Wann endlich wieder vor Zuschauern gespielt werden kann, ist ungewiss. Doch klar ist, dass der Tag kommen wird, an dem wir uns wiedersehen – mit Hunger auf Fußball, Hunger auf Erfolg und Hunger auf diese unvergleichlich leidenschaftliche Stimmung: Hunger auf Hafenstraße. Wir können es kaum erwarten!
 
In diesem Sinne: Bis bald an der Hafenstraße, liebe Rot-Weisse. 
Nur der RWE!

 
Marcus Uhlig & Jörn Nowak