Lattek trat nicht zum Dienst an

Doch RWE schaffte auch ohne den Startrainer die erfolgreichste Bundesligasaison.

Jörg Lipinski sorgte mit seinem legendären Tor für die bitterste Niederlage von Trainerikone Udo Lattek. (Foto: Archiv)

Dieser Teil der Serie "Rot-Weisse Bundesligazeiten" blickt auf eine Geschichte zurück, die zuerst geheime Kommandosache war, von der die Presse dann aber doch bald Wind bekam. Udo Lattek, der den FC Bayern zur stärksten deutschen Vereinsmannschaft im ersten Jahrzehnt seiner Bundesligazugehörigkeit aufgebaut hatte, sollte an die Hafenstraße wechseln. Unterschrieben hatte er schon, doch Lattek trainierte kein einziges Mal das Essener Aufgebot.

Seine Trainerkarriere hatte der gebürtige Ostpreuße 1965 als Nachwuchscoach des DFB und als Assistent im Trainerstab von Bundestrainer Helmut Schön begonnen. In die Bundesliga wechselte er 1970 zum FC Bayern München, gewann mit der Mannschaft 1971 den DFB-Pokal und wurde von 1972 bis 1974 dreimal in Folge Deutscher Meister. 1974 folgte die europäische Krönung: Als erste deutsche Mannschaft gewannen die Bayern den Europapokal der Landesmeister gegen Atlético Madrid. Doch in der anschließenden Saison kam für den Erfolgscoach im Frühjahr 1975 mit der bis dahin schlechtesten Münchener Bundesliga-Bilanz das Aus.

Hoffnungsträger
RWE-Präsident Will Naunheim und der Bayern-Meistertrainer sollen sich wenig später nach ein paar Pils und Williams Birne einig geworden sein, da ja schließlich laut Lattek „das Essener Bier viel besser schmeckt als der in München gebraute Gerstensaft.“ Dass sich die Vertragsunterzeichnung dennoch hinauszögerte, begründete Udo Lattek so: „Ich hatte ein fettes Angebot aus Spanien, das überdacht werden musste. Schließlich reizte mich die Essener Aufgabe mehr, nachdem ich die Mannschaft dreimal gesehen hatte.“ Außerdem habe er ja schon 1967 mit RWE über die Übernahme des Traineramtes verhandelt. Dem Jungabsolventen der Sporthochschule Köln sei aber Erich Ribbeck vorgezogen worden. Jetzt aber war es endlich soweit. 

„Um 11.05 Uhr am Sonntag, 16. März 1975, unterschrieben am runden Tisch im Klubzimmer von Rot-Weiss Essen im Tribünenbau an der Hafenstraße Präsident Will Naunheim (56) und Diplom-Sportlehrer Udo Lattek (40) einen Trainervertrag, der am 1. Juli dieses Jahres beginnt und sich um drei Jahre verlängert, wenn er nicht von einer der beiden Parteien nach neun Monaten gekündigt wird“, schrieb Lutz Schröter in der WAZ. Mit dem neuen Coach hoffte der RWE-Präsident „bald wieder an die Erfolge der Jahre von 1952 bis 1955 anknüpfen“ zu können.

Funkstörungen vom Niederrhein
„Udo Lattek funkt mit mir auf der gleichen Wellenlänge“, verkündete der RWE-Boss und sah im März 1975 angesichts des unterschriebenen Einjahresvertrags eine neue Zeit an der Hafenstraße anbrechen. Lattek reizte angeblich der Neuanfang an der Hafenstraße. „Hier kann man etwas bewegen“, stimmte er das erwartungsfrohe Umfeld optimistisch. Und über seine angeblichen Vollmachten berichtete die WAZ in einem fett gedruckten Rahmen innerhalb des Artikels: „Er kauft und verkauft Spieler; er bestimmt die Art der Vorbereitungen eines Spiels; er entscheidet über die Zahl von Privatspielen.“

Doch es kam anders. Den Fußballmessias zog es plötzlich an den linken Niederrhein, wo eine Trainerstelle in Mönchengladbach frei wurde, da Hennes Weisweiler, Fußballguru und Vater der Fohlenelf, beim FC Barcelona eine neue Herausforderung suchte.

„Was würden Sie denn machen, wenn Sie die Wahl zwischen einem Fahrrad (Essen) und einem Mercedes (Mönchengladbach) hätten?“, fragte Udo Lattek die schreibende Zunft und erklärte gleichzeitig in der WAZ: „Verträge sind im Fußball-Geschäft kein Maßstab.“ Außerdem habe es nur eine mündliche Vereinbarung gegeben. „Der Verein verliert an Ansehen, wenn er das Theater mit Lattek nicht schleunigst beendet.“ Und „Rot-Weiss darf sein Gesicht nicht verlieren.“, hieß es in der Essener Presse. RWE erteilte die Freigabe, die sich Borussia Mönchengladbach angeblich 25.000 DM kosten ließ.

Auch ohne Lattek die erfolgreichste Bundesligasaison
Neuer Trainer an der Hafenstraße wurde stattdessen Ivica Horvat. Er hatte zuvor in der nördlich von Essen gelegenen Stadt den damals noch in einer Glückaufkampfbahn angesiedelten und später in ein weitgehend unüberdachtes WM-Stadion wechselnden Fußballklub 1972 zur deutschen Vizemeisterschaft und zum DFB-Pokalsieg geführt. In der abgelaufenen Saison 1974/75 erreichte er mit der blau-weißen Mannschaft erneut den UEFA-Pokal (die heutige UEFA Europa League).

Unter der Regie von Ivica Horvat kam Rot-Weiss Essen in der Saison 1975/76 zu seiner besten Bundesligaplatzierung und verpasste bei 37:31 Punkten mit dem 8. Tabellenplatz nur aufgrund des schlechteren Torverhältnisses die Teilnahme an den internationalen Spielen. Dafür entwickelte der ehemalige jugoslawische Fußballnationalspieler und WM-Teilnehmer von 1950 und 1954 den spätberufenen Neu-Profi Horst Hrubesch mit seinen 24 Jahren zu einem der besten Mittelstürmer der Fußballbundesliga. 

Späte Quittung
Verziehen haben die Essener Fans Udo Lattek seinen Vertrags- und Wortbruch nicht. Die Quittung gab es am 13.09.1992 als Lattek mit Schalke 04 im DFB-Pokal 2:0 an der Hafenstraße verlor. Legendär bis heute das Tor von Jörg Lipinski in der 88. Minute. Torwart Jens Lehmann war ein weiter Essener Befreiungsschlag an der Mittellinie versprungen. Der RWE-Mittelfeldspieler schnappte sich den Ball und lief alleine auf das leere Tor vor der Westkurve zu. Kurz vor der Torlinie stoppte er, wartete scheinbar ewig lange fünf Sekunden und schob das Leder dann zum 2:0-Sieg ein. 

„Das war die bitterste Niederlage in meiner ganzen Trainerlaufbahn. Ich hatte nach dem Spiel so die Schnauze voll, dass ich meine Mannschaft bis gestern ignoriert habe“, bekannte Lattek eine halbe Woche nach dem Pokaldesaster. Doch eine Niederlage der Bayern in Essen kannte er ja bereits aus seinem ersten Münchener Bundesligajahr 1970/71. Damals gestand er nach der 1:3 Niederlage an der Hafenstraße ein: „Wir können in Essen einfach nicht gewinnen.“

Ein Beitrag unseres ehrenamtlichen Vereinshistorikers Georg Schrepper.

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