Knappen schmieden Talente

Über U23 zum Stammspieler beim Bundesliga-Schlusslicht.

Die Ausbildungsarbeit in der Reservemannschaft des FC Schalke 04 funktioniert nachweislich. (Foto: Endberg/RWE)

Wenn die zweite Mannschaft des FC Schalke 04 zum Revierderby bei Rot-Weiss Essen zu Gast ist, wird es an der Hafenstraße mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht zu einem Wiedersehen mit Timo Becker kommen. Der 24-jährige Innenverteidiger war im Sommer 2019 zwar von der Hafenstraße zur U23 der "Knappenschmiede" gewechselt und bestritt seitdem auch 23 Regionalliga-Partien für die Gelsenkirchener. Seit Anfang dieses Jahres ist Blondschopf Becker allerdings Stammspieler in der Bundesliga, kam für das abgeschlagene Schlusslicht allein in dieser Saison zu 13 Erstliga-Einsätzen, spielte elfmal über 90 Minuten.

Insgesamt sechs Jahre lang trug Timo Becker das RWE-Trikot, sein Debüt in der Regionalliga West gab er im März 2016 noch als A-Jugendlicher. "Es war eine harte Zeit, in der man sich erst einmal durchboxen muss. Man geht mit Ehrgeiz ins neue Team, aber dort wird dir erst einmal gezeigt, wie der Hase zu laufen hat", erinnert er sich. "Damit hatte ich einige Zeit zu kämpfen, in der Jugend war ich vom technisch versierten Fußball nahezu verwöhnt. Und plötzlich wirst du auf dem Feld gekniffen – oder beim Eckball steht dir ein Gegenspieler auf dem Fuß. An die Körperlichkeit muss man sich gewöhnen."

Eineinhalb Jahre später war der 1,90 Meter große Verteidiger Stammspieler an der Hafenstraße. "Ich bekam viel Zuspruch und auch für mich selbst das Gefühl, dass Potenzial für mehr vorhanden ist", so Becker. "Ich habe gespürt, dass die 4. Liga nicht die letzte Station sein würde. In Essen lief 2019 mein Vertrag aus – und ich war wirklich überzeugt davon, dass ich zumindest einen Klub in der 3. Liga finden würde. Das war allerdings nicht so. Nach einiger Zeit kam Schalke in Person von Knappenschmiede-Scout Manfred Dubski auf mich zu und bot an, dass ich mich dort erneut präsentieren könnte."

"Dass es so kommt, hätte ich nie ahnen können"
Und das gelang Timo Becker so gut, dass er zunächst regelmäßig für die U23 spielte, aber auch schnell in den Fokus der Profis rückte. Bereits im November 2019 gab er sein Bundesliga-Debüt, damals noch einem personellen Engpass geschuldet. Nach weiterer Spielpraxis in der Regionalliga West hat er nun seit Januar einen Stammplatz bei den Profis, kommt mittlerweile auf 23 Partien im Oberhaus. "Das war damals überhaupt nicht mein Gedanke, um ehrlich zu sein", gibt Becker zu. "Ich habe die Chance gesehen, mich in meinem letzten U23-Jahr in einem Bundesliga-Unterbau zu zeigen und nach einem Jahr dann den aufgeschobenen Schritt hin zu einem Drittligisten gehen zu können. Dass es schließlich so verläuft, wie es gekommen ist, hätte ich nie ahnen können."

Einen noch steileren Aufstieg in dieser Spielzeit hat Matthew Hoppe hingelegt. Im Hinspiel gegen Rot-Weiss Essen (1:1) war dem 20-jährigen US-Amerikaner nach seiner Einwechslung sein einziger Saisontreffer in der Regionalliga West gelungen. Wie Becker ist der Angreifer nun aber seit Januar Stammspieler in der Bundesliga. In der höchsten deutschen Spielklasse war Hoppe bislang viermal als Torschütze erfolgreich.

Mit Luca Schuler hat ein weiterer Blauweißer aus dem aktuellen U23-Kader schon Bundesliga-Luft geschnuppert. Der 22-Jährige, im Januar 2020 aus der U21 des 1. FC Köln verpflichtet, wurde Ende November in der Partie bei Borussia Mönchengladbach (1:4) und Anfang März gegen den 1. FSV Mainz 05 (0:0) bei den Schalker Profis eingewechselt. "Ich habe auf jeden Fall Blut geleckt und Lust auf mehr", so Schuler, der eine Ausbildung zum Tischler absolviert hat. "Wir trainieren oft zur selben Zeit, nur einen Platz weiter, neben den Profis. Das ist für uns alle ein Ansporn. Und wenn du regelmäßig gute Leistungen zeigst, bekommst du vielleicht die Chance, oben zu trainieren oder gar Spielpraxis zu sammeln. Daraus kann man enorm viel mitnehmen."

Neben Timo Becker wird beim Derby an der Hafenstraße definitiv noch ein weiteres früheres RWE-Talent fehlen. S04-Mittelfeldspieler Jason Ceka (21) handelte sich beim 4:1 gegen die Sportfreunde Lotte die fünfte Gelbe Karte ein – und war untröstlich. "Jason hatte sich so auf das Spiel gefreut, war deshalb fix und fertig", so U 23-Trainer Torsten Fröhling.