"Klar erkennbare Handschrift"

Neuer NLZ-Leiter Christian Flüthmann über Fußball an der Seumannstraße.

Seit Februar an der Seumannstraße tätig: Christian Flüthmann.

Mit Christian Flüthmann hat Rot-Weiss Essen vor wenigen Wochen einen neuen Leiter für sein Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) gefunden. Der 38 Jahre alte Fußball-Lehrer war zuvor Cheftrainer bei Eintracht Braunschweig in der 3. Liga. Im Interview spricht Flüthmann unter anderem über seinen Start in Essen, die Folgen der Corona-Pandemie, Frank Lampard und Jürgen Klopp.

Herzlich willkommen an der Hafenstraße, Christian! Du bist ausgebildeter Fußball-Lehrer, hast als Cheftrainer in der 3. Liga gearbeitet und auch als Co-Trainer von Norwich City in England bereits Auslandserfahrungen im Profibereich gesammelt. Warum gehst Du jetzt den Schritt zurück in den Nachwuchsbereich?
Nach der Zeit als Cheftrainer bei Eintracht Braunschweig kamen für mich zwei, drei Optionen in Frage. Ich hatte Angebote aus der 3. Liga vorliegen, wollte aber nicht um jeden Preis zusagen. Da durch die Corona-Pandemie auch keine große Fluktuation auf dem Markt zu spüren war, hatte ich Zeit, mich zu hinterfragen, was ich überhaupt künftig machen will. Dabei wollte ich meine Erfahrungen aus der Wirtschaft mit meinem Studium der Betriebswirtschaftslehre und meiner Selbständigkeit in einer Werbeagentur mit meiner Fußballkompetenz kombinieren und in einer strategischen Position weiterhelfen. Da ist es für mich zweitrangig, ob ich im Profi- oder Nachwuchsbereich tätig bin. Wichtig ist, dass ich meine Ideen und Kompetenzen einsetzen und frei entfalten kann.

Was reizt Dich vor allem am neuen Job?
In den Gesprächen mit Rot-Weiss Essen habe ich sofort gemerkt, dass Entwicklung stattfinden soll. In Essen soll langfristig etwas entstehen. Das hat mich extrem überzeugt. RWE will etwas bewegen.

Welchen Einfluss hatte RWE-Vorstand Marcus Uhlig, mit dem Du schon bei Arminia Bielefeld zusammengearbeitet hattest, bei Deiner Entscheidung?
Ich kenne die Denk- und Arbeitsweise von Marcus Uhlig, schätze seine Verlässlichkeit. Er verspricht nichts, was er nicht halten kann. Er hat gewisse Vorstellungen und ich mag es, wenn Menschen alles dafür tun, um ihre Visionen zu erreichen. Nach den Gesprächen mit ihm und RWE-Sportdirektor Jörn Nowak hatte ich das Gefühl, dass ich der Richtige für den Verein auf dieser Position bin. Ich will meine Erfahrungen gerne weitergeben und weiß, was in kleineren Nachwuchsleistungszentren wichtig und gefordert ist.

Als Nachwuchstrainer warst Du schon in Bielefeld sowie beim VfL Osnabrück und bei Borussia Dortmund tätig. Siehst Du Deine Zukunft eher im Junioren- oder im Profibereich?
Ich kann unseren jungen Trainern mit meinen 38 Jahren und meinen gesammelten Erfahrungen in diesem Bereich sicherlich einiges mitgeben. Aber wo ich selbst am Ende landen werde oder könnte, das lässt sich nicht seriös beantworten. Im Fußball kann man nie sagen, wohin die Reise einen in drei oder vier Jahren hinführen wird.

Die Ausbildung zum Fußball-Lehrer hattest Du in England absolviert. Zu Deinen Lehrgangskollegen gehörten die ehemaligen Weltklassespieler Frank Lampard, Kolo Touré und Michael Carrick. Was konntest Du von Ihnen lernen? Oder war es sogar eher umgekehrt, weil Du schon wesentlich mehr Trainererfahrung gesammelt hattest?
Bei meinem ersten Kontakt mit Frank Lampard dachte ich, dass ich viel aufsaugen kann. Das Gespräch hatte sich aber ganz schnell in eine andere Richtung entwickelt. Er mag den deutschen Fußball, wollte viel wissen und war nicht zuletzt deshalb sehr interessiert, weil ich auch bei Borussia Dortmund gearbeitet hatte. In Sachen Menschenführung hatte er mir erzählt, von welchen Trainern er am meisten mitgenommen hat. Es war ein Austausch auf Augenhöhe.

Wie würdest Du die größten Unterschiede zwischen dem deutschen und dem englischen Profi- und Nachwuchsfußball beschreiben?
Die Spiele im englischen Profifußball sind oft schneller. Nicht unter deshalb, weil Zweikämpfe teilweise anders bewertet werden. Im Jugendbereich gibt es mehrere Unterschiede. In England sind alle Nachwuchstrainer durchgängig hauptberuflich tätig, können rund um die Uhr für die Spieler da sein. Das ist bei uns – zumindest in kleineren Vereinen – nicht immer der Fall. In England ist die U18 die älteste Leistungsmannschaft im klassischen Nachwuchsbereich. Danach kommt die U23, in der sich die Spieler durchsetzen müssen, um oben anzukommen. Im englischen U16- und U18-Bereich gibt es Meisterschaften, aber keine Absteiger. Die Trainer können sie sich dadurch noch gezielter auf die Ausbildung der Spieler konzentrieren.

"Der Trainer als Motivator" lautete eines deiner Themen bei der Prüfung zum Fußball-Lehrer-Prüfung. Was zeichnet einen guten Motivator aus?
Die Frage lautet: Muss der Trainer Motivator sein? Oder wie wichtig ist die Selbstmotivation der Spieler? Ein Trainer ist sicher in gewissen Punkten verantwortlich für die Motivation, muss bei den Spielern den richtigen Moment finden, wo er motivierend wirkt. Ein "Dauermotivator" kommt dagegen nicht an. Selbstantrieb ist eine Grundvoraussetzung, um später auf dem höchsten Level spielen zu können. Sogar ein Welttrainer wie Jürgen Klopp sagt von sich selbst, dass er nicht in allen Bereichen der beste Trainer sein kann. Deshalb schart er nur die besten Leute um sich herum. Er kann die Bereiche eines Top-Ernährungsberaters oder Athletiktrainers nicht abdecken. Alle Beteiligten führt er mit seinem Wissen zusammen, baut dann das perfekte Team zusammen und trifft oft die richtigen Entscheidungen. Jeder Trainer benötigt die richtigen Leute um sich, um nachhaltig erfolgreich arbeiten zu können.

Für welchen Führungsstil hast Du Dich entschieden?
Das war auch Teil der Ausbildung in England. Man muss sich selbst reflektieren und wissen, wo und vor allem für was man überhaupt steht. Ich bin ein Trainer, der den kommunikativen Führungsstil bevorzugt. Ich höre mir Meinungen an und lasse sie auch in meine Entscheidungen einfließen. Ich bin kein Alleinherrscher, sondern Teamplayer.

Wie würdest Du Dein neues Aufgabengebiet mit wenigen Worten skizzieren?
Wir haben klare Vorstellungen, wohin es mit Rot-Weiss Essen gehen soll. Ich sehe mich vor allem als Dienstleister gegenüber den Trainern und Mitarbeitern. Sie sollen gemeinsam mit den Teams ihr Potenzial ausschöpfen, damit wir unsere Ziele erreichen.

Bist Du auch für die Ausbildung und Förderung der Trainer verantwortlich?
Bei Rot-Weiss Essen gibt es sehr viele junge Trainer, die gerne Profitrainer werden wollen, aber noch nicht über die entsprechende Erfahrung verfügen. Ich möchte sie bei ihrem Vorhaben unterstützen und fördern.

Willst Du eine einheitliche Spielphilosophie mit festen Vorgaben an die Trainer entwickeln?
Am Ende soll auf dem Platz auf jeden Fall klar erkennbar sein, was Rot-Weiss Essen ausmacht. Gerne auch gekoppelt mit der ersten Mannschaft. Eine Philosophie darf auch bei einer Fluktuation auf den Trainerpositionen nicht den Haufen geworfen werden. Wir wollen eine klar erkennbare Handschrift haben.

Wegen der Auswirkungen der Corona-Pandemie ruht der Spielbetrieb seit Anfang November. Welche Folgen hat das für die jungen Talente und ihre Ausbildung?
Alle wissen, dass es erhebliche Auswirkungen haben wird. In welchem Ausmaß das sein wird, lässt sich momentan überhaupt noch nicht abschätzen. Die Jugendspieler waren vorher fast täglich auf dem Fußballplatz und sind aktuell seit fast einem halben Jahr ohne Spielpraxis. Wir versuchen alles, um diese Lücke möglichst schnell zu schließen. Wir dürfen keine Wunder erwarten und meinen, dass die Spieler sofort wieder bei ihrem alten Leistungsstand sind. Wir Trainer sind alle gefordert, den bestmöglichen Weg zu finden.

Mit welchen Maßnahmen wird gegengesteuert?
Wichtig sind vor allem die ersten zwei Wochen des Mannschaftstrainings. Danach werden wir eine Bestandsaufnahme machen. Zunächst wird es darum gehen, dass bei den Spielern wieder alle Muskeln aktiviert werden. (lacht)

Wie sehr wird die Kaderplanung erschwert?
Sehr viele Spieler, die den U19-Bereich im Sommer verlassen, haben es ganz schwer. Sie wissen nicht, wie es weitergeht. Ihnen fehlt momentan die Plattform, um sich zu präsentieren. Wir bieten diesen Spielern Unterstützung an, wollen für sie Lösungen finden. Zum Glück ist die Kaderplanung aber bereits weit fortgeschritten. Schon beim ersten Lockdown wurde mit den meisten Spielern gesprochen, wie es für sie weitergeht.

Die U 17 und U 19 "pendelten" in den letzten Jahren oft zwischen Niederrhein- und Bundesliga. Entspricht es Ihrer Zielsetzung, dass die RWE-Nachwuchsteam möglichst dauerhaft in der höchsten deutschen Spielklasse vertreten sind?
Wir wollen definitiv keine "Fahrstuhlmannschaft" sein, sondern haben den Anspruch, in der Klasse zu bleiben und unsere Talente an den Kader der ersten Mannschaft heranzuführen. Besonders unseren Spielern aus der Stadt Essen wollen wir die Möglichkeit bieten, später an der Hafenstraße zu spielen. Bei 600.000 Einwohnern gehen wir davon aus, dass das eine oder andere Talent dabei sein wird.

Wie wertvoll sind die Erfolge der ersten Mannschaft in der Liga und im DFB-Pokal für die Nachwuchsabteilung? Wäre es beispielsweise bei einem Aufstieg in die 3. Liga leichter, Toptalente an den Klub zu binden?
Ich stelle nicht nur bei den Spielern, sondern auch bei den Nachwuchstrainern, die teilweise über Jahre im Verein sind, derzeit eine riesige Begeisterung fest. Die Aussicht, dass die erste Mannschaft den Sprung in den Profibereich schaffen kann, motiviert momentan alle. Selbstverständlich ist es leichter, Toptalente zu halten, wenn die erste Mannschaft im Profibereich unterwegs ist.