"In vielen Bereichen einen Schritt nach vorne gemacht"

Enrico Schleinitz über die Entwicklungen im NLZ.

Enrico Schleinitz leitet das Nachwuchsleistungszentrum an der Seumannstraße. (Foto:Endberg)

Ein Arbeitsreiches Jahr mit vielen Herausforderungen liegt hinter dem rot-weissen Nachwuchsleistungszentrum. Neben der Vergabe des Sterns für das NLZ, sind die U19 und U17 aus der Bundesliga abgestiegen. Wie die Projekte Vorbereitung, Kaderplanung und Wiederaufstieg im NLZ bisher bewältigt wurden und welche sonstigen Entwicklungen es 2019 gab hat uns Enrico Schleinitz im Interview erzählt.

Hallo Enrico! Auch für die Jugendabteilung ist das Fußballjahr 2019 beendet. Nach den bitteren Abstiegen insbesondere der U19 und U17 standet ihr vor großen Herausforderungen. Ist rückblickend - gerade auf die Saisonvorbereitungsphase - alles so gelaufen wie ihr euch das vorgestellt habt?

Durch die Abstiege war die Kaderplanung etwas ambitionierter. Bei der U17 war es etwas einfacher, weil dort leider schon relativ früh klar war, dass wir nicht zweigleisig planen müssen. Von daher war dort die Vorlaufzeit ein bisschen einfacher, da man auch in den Gesprächen mit den Spielern die Liga schon nennen konnte. Bei der U19 war es anders. Dort war nach der starken Hinrunde die Tendenz eher der Klassenerhalt in der Bundesliga bei den ersten Gesprächen. Da mussten wir dann im Laufe der Rückrunde mit den Spielern, die wir haben wollten, nochmal sprechen. Am Ende sind dann viele Jungs, die uns für beide Ligen zugesagt hatten, auch gekommen oder geblieben. Wir haben in den Gesprächen verstärkt auf den Charakter geachtet und dadurch hatten wir dann das Glück, dass viele Spieler den Weg mit uns mitgegangen sind.

Hatten die Abstiege auch Auswirkungen auf die Mannschaften unterhalb der U17 und auf die Kaderplanung?

Für die U16 war die Auswirkung schon heftig, da sie durch den Abstieg der U17 in der Leistungsklasse spielen muss. Dadurch durfte man nicht an der Aufstiegsrunde teilnehmen und mussten in der Liga bleiben. Das heißt, dass ein U17-Abstieg immer Auswirkungen auf die zwei Jahrgänge darunter hat. Die U15 Spieler wissen dann, dass sie nicht in der höchsten Spielklasse spielen werden. Wir haben das aufgefangen, indem wir gesagt haben, dass mehrere U16 Spieler regelmäßig bei der U17 zum Einsatz kommen und auch im Training mit dabei sind. Dadurch sollte der qualitative Verlust so gering wie möglich gehalten werden und unsere Ausbildung unabhängig von der Liga auf einem hohen Niveau bleiben.

Gab es bei den Mannschaften unterhalb der U17, die nicht so im Fokus stehen, besondere Herausforderungen oder Veränderungen im Sommer?

Wir hatten in der U13 die Herausforderung, dass wir Meister geworden sind und damit die Nachwuchsmannschaften von namhaften Bundesligisten hinter uns gelassen haben. Zum einen ist das natürlich super für uns, weil es uns zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind. Aber dadurch haben viele Teams intensiv Interesse an unseren Spielern gezeigt und probiert, diese abzuwerben. Wir haben einen kompletten Verlust vermeiden können und am Ende haben uns nur zwei Spieler verlassen.

Grade am Anfang der Saison hat die U19 schon aufhorchen lassen. Egal ob beim Emka Ruhr-Cup, beim Kick fürs Leben oder in Freundschaftsspielen gegen Bundesligisten. Hat euch das überrascht, dass die Mannschaft so schnell funktioniert hat?

Wir haben eine Mannschaft, die das Ziel hat in der Niederrheinliga erster zu werden. Wir wollen in die Bundesliga aufsteigen, wissen aber, dass es nicht selbstverständlich ist, in der Niederrheinliga alle Spiele zu gewinnen. Das durften wir auch schon erfahren. Tests in der Vorbereitung sind Fluch und Segen zu gleich. Du hast tolle Erfahrungen, du hast gegen AS Monaco gespielt, gegen Atletico Madrid und Borussia Dortmund sogar gewonnen. Das war schön für die Jungs und eine tolle Momentaufnahme. Anders herum ist dann natürlich die Gefahr, dass die wöchentlichen Gegner nicht Borussia Dortmund oder AS Monaco heißen. Man muss diese Leistungen auch im täglichen Meisterschaftsbetrieb abrufen.

Wie liefen denn die ersten Pflichtspiele?

Die ersten Spiele sind immer relativ schwierig, weil man auch teilweise neue Mannschaften hat. Gerade bei einer U12 ist das ganz besonders auffällig. Die Entwicklung der einzelnen Spieler ist ordentlich, der Mannschaftsverbund entwickelt sich ordentlich. Im Bereich U12-U14 wo noch ohne Ergebnisdruck spielt, ist es schön zu sehen, wie die Jungs auch gegen die großen Gegner mutig spielen. Sie spielen mit Respekt, aber ohne Angst. Man merkt den Spielern das Selbstvertrauen an, wenn sie nach Dortmund oder Schalke fahren und dort ohne Furcht nach vorne spielen. Unser Anspruch ist es, ein unangenehmer Gegner und kein Punktelieferant zu sein. Diesen Anspruch haben wir in jedem Jahrgang. Dass ist das Image, was wir im Moment haben und das wollen wir ausbauen. In der U19 und U17 wollen wir dahinkommen, wieder gegen diese großen Namen in Pflichtspielen anzutreten.

U17 und U19 sind bei diesem Vorhaben auf einem guten Weg. Aktuell stehen beide an der Tabellenspitze. Damit müsstet ihr doch zufrieden sein…

Wir hatten schon die Hoffnung, dass wir durch die Kontinuität auf den Trainerpositionen einen gewissen Vorlauf haben. In der A-Jugend werden Jungjahrgänge zu Altjahrgängen und die wissen schon wie der Trainer spielt. In der B-Jugend haben wir schon in der Bundesligasaison ganz viele Jungjahrgänge „reingeschmissen“, damit sie die Härte der Bundesliga schon einmal kennenlernen und sehen, dass das die Klasse ist, in die wir zurück wollen und natürlich auch damit sie den Trainer kennenlernen. So hatten wir in beiden Mannschaften ein gutes Grundgerüst, an dem sich Neuzugänge ein Stück weit orientieren konnten. Dadurch war die Eingewöhnungszeit relativ kurz. Bei der U19 hatten wir auch einige Rückkehrer, die schon mal für Rot-Weiss Essen gespielt hatten. Auch das hat beim Teambuilding geholfen. Auch die gute Vorbereitung mit einigen Erfolgserlebnissen hat den Jungs das Zusammenwachsen erleichtert. Dass es bei beiden Mannschaften sieben beziehungsweise sechs Punkte Vorsprung sind, ist eine schöne Situation, aber es ist ja auch erst die Hinrunde gespielt.

Wenn man sich die Konkurrenz anschaut sind insbesondere bei der U17 mit dem MSV, KFC und RWO schon starke Mannschaften in der Liga. Sich da so souverän zu behaupten ist da ja keine Selbstverständlichkeit oder?

Für uns war das keine Freude zu sehen, dass der MSV Duisburg mit absteigt, weil das ganze Drumherum nochmal ein bisschen größer ist und die Strahlkraft eines Dritt-/Zweitligisten nicht zu unterschätzen ist. Die Möglichkeiten nachzujustieren sind bei so einem Verein ganz anders. Die holen zehn Neue aus der Bundesliga und wir probieren die Jungs von kleineren Vereinen zu verpflichten und auf das Niveau zu bringen. Daher ist es eine schöne Randnotiz, dass wir sechs Punkte vor dem MSV stehen und sie direkt am ersten Spieltag schlagen konnten. Wir müssen aber weiter von Spiel zu Spiel schauen, damit wir den Abstand halten können.

Eine ganz besondere Auszeichnung in diesem Jahr wollen wir natürlich nicht unterschlagen: Im Rahmen der Zertifizierung der Nachwuchsleistungszentren wurdet ihr im März direkt im ersten Anlauf mit einem Stern ausgezeichnet. Hat sich der Stern, den ihr bekommen habt, in irgendeiner Weise ausgewirkt, beispielsweise bei Spielerverpflichtungen?

Wir haben jetzt nicht alle Polohemden mit einem Stern drauf (lacht). Die Wahrnehmung der anderen Vereine hat sich verändert. Wir haben viel Respekt von den anderen Teams bekommen. Denn beim ersten Versuch direkt einen Stern zu bekommen, ist nicht normal. Für die tägliche Arbeit ist es ein Zeichen, dass wir nicht nur ein NLZ auf dem niedrigsten Niveau sind, sondern wir haben eine Qualitätsstufe, die uns vom Mindestmaß abhebt. Für die Spieler ist es nicht ganz so relevant, aber wenn die großen Vereine kommen, ist es eins der Argumente, um die Spieler zu halten. Der Stern ist ein Teil der Argumentation, aber nur mit dem Stern würden wir auch nicht weit kommen.

In dieser Saison sind häufiger Jungs aus der U19 bei der 1. Mannschaft im Training, Testspielen oder sogar Pflichtspielen dabei. Auch aus der U17 stoßen immer mal Talente zum Kreis der 1. Mannschaft dazu. Was gibt das den Jungs und inwiefern bringt sie das in ihrer Entwicklung weiter?

Für die Jungs ist es eine Herausforderung. Zum einen erfahren sie eine Anerkennung und Wertschätzung, weil sie dabei sein dürfen. Körperlich ist es für sie etwas ganz neues, wenn sie auf einmal gegen Erwachsene antreten. Gerade bei U17 Spielern oder Jungjahrgängen aus der A-Jugend merkt man schon einen körperlichen Unterschied. In erster Linie ist es eine Ehre, bei der 1. Mannschaft dabei sein zu dürfen. Es ist aber auch eine Verpflichtung für sich selbst. Die Jungs wollen, wenn sie einmal dabei sind, natürlich auch dabei bleiben. Unsere Aufgabe ist es, die Spieler auf dem Weg zu begleiten und wir hoffen natürlich, dass es der ein oder andere Spieler in den Kader schafft.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Infrastruktur an der Seumannstraße. Gab es diesbezüglich Entwicklungen?

Wir haben durch den Mittelstreifen eine Trainingsfläche bekommen und natürlich einen Kunstrasenplatz. Das ist ein Quantensprung in Sachen Ausstattung für uns, da wir vorher für acht Mannschaften einen Platz hatten. Mit einem zusätzlichen Soccercourt haben wir die Möglichkeit bekommen, die Straßenfußballerfähigkeiten weiter auszubilden und durch die Universitätsmedizin als neuen Partner haben wir auch im medizinischen Bereich einen weiteren Schritt nach vorne gemacht. Wir sind auch hier auf einem guten Weg.

Neben dem Training für die Mannschaften bietet ihr ja noch das Fußballcamp und Torwartcamp für Nachwuchskicker aus anderen Vereinen an…

Die Torwartschule wird sehr gut und mit Begeisterung angenommen. Wir bekommen da viel Feedback und haben einige Jungs die sich dort erneut anmelden. Auch bei den Feriencamps haben wir einen Qualitätsschub, beispielsweise durch den neuen Platz, der uns ganz andere Möglichkeiten gibt. Wir sind fast immer ausgebucht. Ganz neu haben wir jetzt das Fördertraining unter der Leitung von Dirk Helmig. Dort können ambitionierte Jungs, die noch nicht ganz das Niveau für ein NLZ haben, ihre Fähigkeiten weiter schulen. Wir wollen uns da noch ein bisschen breiter aufstellen und uns in der Stadt noch besser präsentieren. Wir haben beispielsweise ein Projekt gestartet, bei dem wir alle Vereine einladen und den gemeinsamen Austausch fördern, damit wir auch als Essener NLZ angesehen werden und Spieler, die vielleicht interessant sein könnten, auch in der Stadt bleiben und nicht auf die Idee kommen, die Stadt zu verlassen.
 
Kommen wir zu einem nicht so schönen Thema. Beim EBE Esports Stadtpokal seid ihr ja in der ersten Runde ausgeschieden. Welche Erklärung kannst du uns dazu liefern?


Tja, ich gebe zu: An der Konsole besteht bei unseren Jungs offensichtlich noch Nachholbedarf (lacht).