Herbert Weinberg – der rot-weisse Mannschaftskapitän und Fleißarbeiter wird 80

„Als Rechtsaußen war Herbert Weinberg auf Grund seines enormen Arbeitspensums ein Vorbild für die Mitspieler.

Herbert Weinberg im Duell gegen BVB-Spieler Pehs.

Der Mannschaftskapitän überzeugte zugleich mit seiner Dribbelkunst und Schnelligkeit“, charakterisiert ihn das RWE Buch „An der Hafenstraße RWE“. Sein Mannschaftskollege Werner Kik ergänzte in einem Interview: „Er ist nämlich immer auf Teufel komm raus für die Mannschaft gerannt und marschiert.“

Beim BV Altenessen 06, am traditionsreichen Kaiserpark, durchlief Herbert Weinberg alle Jugendklassen und spielte im Seniorenbereich in der Bezirksklasse. Sein Onkel hatte ihm im Alter von 11 Jahren ein paar Fußballschuhe geschenkt und die Mutter überzeugt, dass der Filius trotz des noch nicht vergangenen Trauerjahres für den viel zu früh verstorbenen Vater in den Verein eintreten durfte.
Günther Grothkopp, Verbandstraineridol aus Hamburg, entdeckte während seiner Zeit als Trainer der Niederrheinauswahl das Essener Stürmertalent. Mit 20 Jahren wurde Herbert Weinberg zur Spielzeit 1959/60 von Hannover 96 unter Vertrag genommen und wechselte in die Fußball-Oberliga Nord. Sein Trainer dort war erneut Günther Grothkopp. Gleich am ersten Spieltag (16.09.1959) feierte das Offensivtalent aus Altenessen in der damals höchsten deutschen Spielklasse sein Debüt beim 2:1-Heimerfolg gegen den Hamburger SV. Von 1959 bis 1961 absolvierte Herbert Weinberg insgesamt 44 Oberligaspiele für Hannover 96 und erzielte dabei fünf Tore.
Eine Verletzungsunterbrechung nutzte er für einen Heimaturlaub. Mit Otto Rehhagel, der seit 1960 bei Rot-Weiss Essen und nach dem Oberligaabstieg 1961 nun in der 2. Liga West kickte, vereinbarte er einen Trainingsbesuch an der Hafenstraße. Doch hinter dem „Mal gucken wie ihr trainiert“ steckte eigentlich ein „Ich wollte immer nach Hause zurück“, wie Herbert Weinberg offen bekennt. Und nach einem Testspiel zwischen Hannover 96 und Westfalia Herne unter den Augen von RWE-Scouts war klar, dass Herbert Weinberg zurück nach Hause und an die Hafenstraße wechseln würde. Hier schnürte er die nächsten 12 Jahre bis zum Ende seiner aktiven Laufbahn die Fußballschuhe.

„Und so zogen wir in die Bundesliga ein…"
Herbert Weinberg durchlebte und durchlitt den Text dieses uralten RWE-Fangesangs zwischen 1966 und 1972 in insgesamt vier Aufstiegsrunden, davon drei Mal mit Erfolg.
In seiner ersten Spielzeit 1961/62 bei Rot-Weiss Essen absolvierte er an der Seite der deutschen Meister Fritz Herkenrath und Heinz Wewers sowie Jungtalent Otto Rehhagel 24 Spiele und erzielte sechs Tore.
Als 1963 die Bundesliga begann, gehörte RWE aufgrund der Qualifikationsbedingungen nicht zu den Gründungsmitgliedern und spielte stattdessen weiter in der zweitklassigen Regionalliga West. Unter Trainer Fritz Pliska erreichte die Mannschaft von der Hafenstraße in der Saison 1965/66 hinter Meister Fortuna Düsseldorf die Vizemeisterschaft, wozu Herbert Weinberg auf Rechtsaußen in 29 Spielen sechs Tore beisteuerte. In der erfolgreichen Aufstiegsrunde kam Weinberg in allen sechs Begegnungen gegen St. Pauli, den 1. FC Saarbrücken und FC Schweinfurt 05 zum Einsatz und erzielte zwei Tore zum ersten Bundesliga-Aufstieg 1966.

Erstes Bundesligator gegen Schalke 04
Herbert Weinberg, der eigentlich mehr Ideengeber und Vorbereiter war, schoss am 24.08.1966 zur Bundesligaheimpremiere sein erstes Bundesligator beim 4:1 Sieg gegen Schalke 04. Es folgten im Stadion an der Hafenstraße ein Unentschieden gegen den Hamburger SV und weitere Heimsiege gegen Bayern München, Hannover 96 und Borussia Mönchengladbach. Nach zehn Spieltagen lag der Neuling mit 12:8 Punkten auf dem vierten Platz. Danach folgte eine lange Durststrecke. Wichtige Spieler fielen wochenlang aus. „Problematisch war für uns auch, dass wenn sich von den ersten 12 oder 13 Spielern jemand verletzt hatte, er nicht adäquat ersetzt werden konnte. Wir hatten einfach einen zu dünnen Kader", blickt Herbert Weinberg auf den ersten Bundesligaabstieg in der Saison 1966/67 zurück, in der er 33 Bundesligaspiele bestritt.
Mit dem Trainernovizen Erich Ribbeck zog RWE 1967/68 erneut in die Bundesliga-Aufstiegsrunde ein. Dort belegte man hinter Hertha BSC nur den zweiten Platz und musste ein weiteres Jahr in der Zweitklassigkeit verbringen.
In der folgenden Saison 1968/69 setzte sich RWE in der Aufstiegsrunde erfolgreich durch. Herbert Weinberg absolvierte in der Aufstiegssaison 28 Regionalligaspiele und erzielte dabei fünf Tore sowie alle acht Aufstiegsrundenspiele, bei denen er drei Treffer erzielte. Das ZDF lud ihn daraufhin gemeinsam mit Trainer Willi Vordenbäumen ins Aktuelle Sportstudio ein, wo Herbert Weinberg zwei Treffer an der Torwand erzielte.
Rot-Weiss Essen spielte 1969/70 und 1970/71 zwei weitere Jahre im Fußball-Oberhaus. Nach einem 12. Platz am Ende des ersten Jahres rutschte die Mannschaft von der Hafenstraße durch den Bundesligaskandal 1971 vom 8. Tabellenplatz am Ende der Hinrunde - und auch noch am 22. Spieltag - in der Schlussphase der Meisterschaft auf den letzten Platz ab. Von den abstiegsbedrohten Vereinen hatte einzig Rot-Weiss Essen ohne Scheckbuch gespielt und musste nun erneut in der Regionalliga West antreten.
Die Saison 1971/72 wurde mit 113 Treffern ein Sturmlauf in Rot und Weiß. In der Presse bestaunte man den 100-Tor-Sturm und schrieb von den Schrecken aller Torhüter.
Herbert Weinberg nahm mit RWE 1972 zum vierten Mal an der Bundesligaaufstiegsrunde teil, in der sich aber Kickers Offenbach punktgleich (13:3) aufgrund des besseren Torverhältnisses (29:7 - 22:6) durchsetzte.
Am zweiten Spieltag (6. August 1972) der Saison 1972/73 spielte der 33-jährige Routinier zum letzten Mal für Rot-Weiss Essen und fand danach unter dem neuen Trainer Horst Witzler keine Berücksichtigung mehr. Eine schwere Verletzung beendete dann seine Karriere endgültig. Im Januar 1973 war Herbert Weinberg bei einem Trainingsspiel in der Turnhalle des Georg-Melches-Stadion von einem Mitspieler gefoult worden und mit seinem Kopf fast völlig ungebremst gegen die Betonwand geprallt. Die Folge waren ein Schädelbasisbruch sowie mehrere Verstauchungen an Armen und Schulter. Er lag vier Wochen im Krankenhaus, davon eine Woche auf der Intensivstation. Während der rund halbjährigen Genesungszeit hörte der ehemalige Mannschaftskapitän nicht viel von seinem Verein. Lediglich der im September 1972 abgewählte ehemalige RWE-Präsident Dr. Georg von Wick vermittelte Herbert Weinberg einen Arbeitsplatz bei der Commerzbank, bei der er bis zur Pensionierung 26 Jahre blieb.
Noch 2011 sagte Herbert Weinberg in einem Interview über die bittere Erkenntnis, dass ihn niemand von RWE im Krankenhaus besuchen kam: „Das war dann natürlich auch der Grund, dass ich anschließend nie mehr etwas mit Rot-Weiss zu tun haben wollte. Wie ich da behandelt wurde.“
Insgesamt bestritt Herbert Weinberg 306 Pflichtspiele für Rot-Weiss Essen, in denen er 51 Tore erzielte. Nach seinem Karriereende war er anschließend noch bei verschiedenen Vereinen als Jugendtrainer tätig.
Erst 40 Jahre später fand Herbert Weinberg den Weg zurück an die Hafenstraße. Michael Welling ließ im Assindia-Bereich des neuen Stadions eine RWE-Legenden-Lounge einrichten und suchte endlich den Kontakt zu verdienten Spielern, den diese lange Jahre vermisst hatten.
Hier ist seitdem auch Herbert Weinberg mit seiner Ehefrau regelmäßig zu Gast, die seit über 60 Jahren ein Paar sind. Und beide sind dankbar, welchen Weg sie durch den Fußball gehen konnten. „Wir kommen beide aus einfachen Verhältnissen. Hätte ich damals kein Fußball gespielt, dann würde es mir finanziell heute nicht so gut gehen. Außerdem empfand ich es immer als positiv, mich mit den besten Spielern Deutschlands messen zu können. Hinzu kam. dass wir mit Rot-Weiss auch viele Auslandsreisen gemacht haben. Insgesamt überwiegen für mich die positiven Erfahrungen und das ist auch gut so.“

(Georg Schrepper)