Gänsehaut pur und der Beginn einer Fanfreundschaft

Vor 25 Jahren – Werder und der RWE im DFB-Pokalfinale von Berlin.

Die Mannschaften vor dem Spiel, RWE-Spieler von links: Mathias Jack, Harald Kügler, Robert Reichert, Daouda Bangoura, Christian Dondera, Adrian Spyrka, Kristian Zedi, Jörg Lipinski, Jürgen Margref, Frank Kurth, Ingo Pickenäcker

Es war eine chaotische Saison 1993/94 mit der Abwahl eines falschen Doktors vom Posten des Vereinspräsidenten, einer Selbstanzeige beim DFB wegen eines verschwiegenen Gläubiger-Nachbesserungsvertrag, was zum Zwangsabstieg wegen „arglistiger Lizenz-Erschleichung" führte, eine Rückrunde in der 2. Bundesliga, bei der RWE ohne Wertung spielen musste und einem kleinen Happy End mit dem Erreichen des DFB-Pokalfinals 1994.


Der Essener Siegeszug begann nach einem Freilos in der zweiten Hauptrunde. Der 1. FC Bocholt und der 1. FC St. Pauli wurden jeweils 3:2 besiegt, wobei die Entscheidung gegen die Hamburger erst in der Verlängerung fiel. Im Achtelfinale stellte sich Nachbar MSV Duisburg an der Hafenstraße vor und wurde mit 4:2 nach Hause geschickt. Jürgen Wegmann, Essener Sturmtalent, das sich seit seinem Wechsel 1983 in die Bundesliga einen Namen als die “Kobra“ gemacht hatte, feierte in diesem Spiel ein gelungenes Comeback und erzielte den 4:2 Siegtreffer. Zu einem Elfmeterkrimi entwickelte sich die Partie beim FC Carl-Zeiss Jena. Nach 120 Minuten stand es auf schneebedecktem Boden 0:0, so dass das Elfmeterschießen die Entscheidung bringen musste. Robert Reichert schoss das 6:5 im Elfmeterschießen, Frank Kurth hielt den anschließenden Elfmeter. Im Halbfinale stellte sich im März 1994 Tennis Borussia Berlin an der Hafenstraße vor. RWE spielte seine Heimstärke gegen die Bundeshauptstädter aus, die mit einer 0:2 Niederlage die Rückreise antreten mussten.


Zum Finale zu Fuß nach Berlin
Fast 30.000 Essener Fans begleiteten ihre Mannschaft nach Berlin. Drei Mitglieder vom Fanklub „Die Unzertrennlichen“ zeigten ihre Verbundenheit auf ganz besondere Weise. Sie waren die rund 600km lange Strecke in die Bundeshauptstadt zu Fuß gegangen und sangen bei ihrer Ankunft in die aufgestellten Fernsehkameras: „Berlin, Berlin. Jetzt sind wir in Berlin.“ Ihr Wunschergebnis formulierten sie so: „6:5 im Elfmeterschießen für uns, dann sind wir die 600 km lange Strecke nicht umsonst gelaufen sind und haben lange Fußball gesehen." Die Berliner City war fest in Essener Hand, die sich auf das Pokalfinale freuten und feierten. An der Gedächtniskirche trafen sich Bremer und Essener und zelebrierten ihren Pokaltag: „Werder und der RWE“. Verbrüderungsszenen zwischen den Fans, Schals und Fahnen wurden getauscht, zusammen angestoßen und gesungen. Die Berliner Polizei musste den Kudamm immer wieder für die tanzenden Anhänger sperren. Am späten Nachmittag ging es dann ins Olympiastadion.


Der Spielverlauf
Rot-Weiss Essen spielte in der Startformation mit Frank Kurth, Harald Kügler, Mathias Jack, Ingo Pickenäcker, Robert Reichert, Jürgen Margref, Kristian Zedi, Adrian Spyrka, Daouda Bangoura, Jörg Lipinski, Christian Dondera. RWE hielt zu Beginn des Pokalfinales gut mit und hatte durch einen Freistoß die erste Chance des Spiels, der aber in der Bremer Abwehrmauer hängen blieb. Anschließend verkrampften die Essener Spieler zusehends und agierten ängstlich. Werder Bremen hatte bis zur Pause das Spiel sicher im Griff, ohne allzu viel dafür tun zu müssen. Es wirkte zeitweise wie ein Trainingsspiel, das der Bundesligist aufzog und dabei mühelos zur 2:0 Führung durch Beiersdorf und Herzog kam. ZDF-Reporter Dieter Kürten kommentierte: „2:0 steht es zur Halbzeit. Alles geht seinen normalen Gang.“

Bremens Trainer Otto Rehhagel sah das etwas vorsichtiger und meinte zu Beginn der zweiten Halbzeit: „Wir müssen aufpassen. RWE wird jetzt total auf Offensive umschalten. Wir müssen sehen, dass wir die nächsten zehn Minuten überstehen.“ Wolfgang Frank brachte kurz vor der Pause Roman Geschlecht für den bereits mit einer Leistenverletzung ins Spiel gegangenen Ingo Pickenäcker und nach der Pause Oliver Grein für Robert Reichert. Zunächst schien sich am Spielverlauf nicht viel zu ändern, bis in der 50. Minute plötzlich Adrian Spyrka aus gut 25 Metern auf das Tor von Oliver Reck schoss. Sein Schuss wurde von der Bremer Abwehr abgeblockt, sprang Jürgen Margref vor die Füße, der ihn an Torhüter Oliver Reck vorbeispitzelte. Daouda Bangoura erkannte die Situation am schnellsten und drückte das Leder zum Anschlusstreffer über die Linie. Von nun an spielte nur noch eine Mannschaft. Schon an der Mittellinie eroberten sich die rot-weissen Spieler den Ball und schnürten die Bremer in ihrer Hälfte förmlich ein. RWE spielte Powerplay und Einbahnstraßenfußball, holte eine Ecke nach der anderen heraus. Bis zur 80. Minute kam der Bundesligist nicht mehr vor das Essener Tor.

Der Ausgleich schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Doch das Happy End war den Bremern vorbehalten, denn der Ausgleich wollte trotz zahlreicher Großchancen nicht fallen. Die rot-weisse Aufholjagd hatte gleichzeitig viel Kraft gekostet und so lief in der 88. Minute Wynton Rufer plötzlich alleine auf Frank Kurth zu, umspielte den Essener Torwart und schoss von der linken Seite des Torraumes auf das leere Gehäuse. Roman Geschlecht, der auf die Linie zurücklief, lenkte aus dem Lauf heraus den Ball mit einer sicheren Parade an die Torlatte. Schiedsrichter Amarall hatte das Handspiel zunächst nicht wahrgenommen, ließ weiterspielen und befragte erst nach Bremer Protesten seinen Linienrichter, der den Regelverstoß gesehen hatte. Den fälligen Elfmeter verwandelte Wynton Rufer zum 3:1 Endstand. Kurz darauf war das Spiel vorbei, Werders Pokalsieger jubelten erleichtert, während die RWE-Spieler zunächst erschöpft und enttäuscht auf dem Rasen saßen.


Rot-Grüne Fanfreundschaft
Für wen die Herzen der Fans an diesem Nachmittag schlugen, wurde bei der Pokalübergabe an Werder Bremen endgültig hörbar. Bei der Pokalübergabe durch Bundespräsident Richard von Weizsäcker sang das Stadion „Immer wieder, immer wieder RWE“ und die Fans beider Mannschaften feierten dann auch noch stürmisch die Essener Fußballer bei ihrer Ehrenrunde. Das Berliner Olympiastadion war in einem einzigen rot-grünen Taumel. Echte Fanfreundschaft, die bis heute Bestand hat. Auch wenn die Sensation letztendlich ausblieb - die Herzen der Zuschauer hatte der Zweitligist im Sturm erobert. Bei der Rückkehr nach Essen gab es auf dem Kennedyplatz vor tausenden Fans einen offiziellen Empfang der Mannschaft. Frank Kurth erinnert sich: "Der Platz war voll von Menschen. Nicht auszudenken, was los gewesen wäre, hätten wir wirklich den Pott nach Essen geholt.“

Text: Georg Schrepper