"Eine besondere Atmosphäre"

Einmal mehr erlebt die Regionalliga West die wohl schillerndste Begegnung der Saison. Mit Rot-Weiss Essen gegen Alemannia Aachen stehen sich die Finalisten des Pokalfinals von 1953 gegenüber. Zum Heimspiel gegen die Kaiserstädter erscheint eine Sonderausgabe der kurzen fuffzehn, in der Fans für Fans schreiben. Das Interview mit Chef-Trainer Karsten Neitzel vor dem Spiel führte das Fanzine jawattdenn.de:

jawattdenn.de sprach vor dem Spiel gegen Alemannia Aachen mit Chef-Trainer Karsten Neitzel.

Das Duell zwischen RWE und Alemannia ist nicht nur durch das DFB-Pokalfinale 1953 Tradition pur. Welchen Stellenwert hat diese Begegnung für Dich?

Solche Spiele haben in der Außenwirkung eine völlig andere Bedeutung. Auch in Elversberg waren beim Spiel gegen Saarbrücken das Zehnfache an Leuten da. Mein erstes Spiel war ein Heimspiel gegen Aachen und es war trotz des Stimmungsboykotts eine besondere Atmosphäre. Trotzdem würde ich lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich morgens anders aufstehe. Ich bin vor jedem Spiel voller Adrenalin, das wird bei Alemannia Aachen genau wie bei jedem anderen Spiel so sein. Die Spieler wissen auch, dass ein Sieg gegen Aachen noch ein paar Prozent mehr Endorphine und Freude bei den Fans freisetzen.

Als Trainer bist Du sinnvollerweise sehr analytisch und stark auf die eigene Mannschaft fokussiert. Macht es für Deine Arbeit einen Unterschied, ob es gegen Aachen oder eine Zweitvertretung oder einen Aufsteiger geht?

In der Vorbereitung macht das keinen Unterschied. Wir beschäftigen uns dennoch sehr intensiv mit dem Gegner. Die Spieler bekommen Spielsequenzen des Gegners gezeigt, damit wir sie optimal auf den Gegner einstellen. Dies machen wir genauso bei einer Zweitvertretung wie vor dem Spiel gegen Aachen.

Welcher These stimmst Du eher zu: „Tradition beflügelt“ oder „Tradition lähmt“?

Tradition sollte beflügeln. Damit sollten wir genauso umgehen wie mit unseren Zuschauerzahlen. Wir dürfen nicht mit der Maßgabe in die Saison gehen, die Zuschauer möglichst lang zufrieden zu stellen. Das hört sich danach an, dass wir Angst hätten, dass die Zuschauer uns böse sein könnten. Unser Anspruch ist, dass wir das Publikum hinter uns bringen und wir nach dem Spiel mit unseren Fans feiern können. Hinzu kommt, dass es in jedem Verein ungemütlich wird, wenn die Ergebnisse nicht stimmen. Da ist es völlig egal, ob der Verein Tradition hat oder nicht.

Aktuell steht Aachen auf Platz 15. Spiegelt der Tabellenplatz die Stärke der Alemannia wider?

Ein ganz klares Nein! Ich habe Aachen dreimal live gesehen und gegen Wattenscheid im Fernsehen. Hier kann man sehen, wie eng Spielausgänge sind und wie eng die Tabellensituation in der Regionalliga ist. Deswegen ist es so wichtig, sich auf jedes Spiel so gut wie möglich vorzubereiten, ohne die Jungs mit den Informationen über den Gegner zu überfrachten.

Was sind die Stärken der Alemannia?

Aachen spielt unter Fuat Kilic mit einer klaren Struktur gegen den Ball. Man erkennt, dass die Mannschaft sehr gut auf den Gegner eingestellt ist und erspielt sich sehr gefährliche Situationen vor dem gegnerischen Tor. Sie haben eine variable Spieleröffnung und individuell gute Spieler in der Mannschaft, wobei man nicht vergessen darf, dass sie vor der Saison sehr viel Substanz abgegeben haben. Das haben sie allerdings sehr gut wieder ausgeglichen.

Die Ausfälle in der Offensive führen dazu, dass sich dieser Mannschaftsteil beinahe von selbst aufstellt. Wie hältst Du von außen die Spannung hoch, um den fehlenden Konkurrenzkampf auszugleichen?

Ich sehe es nicht so, dass Konkurrenz das Geschäft zwangsläufig belebt, denn Konkurrenz hemmt auch viele Spieler. Heutzutage kann fast niemand mehr mit der Rolle eines Ergänzungsspielers umgehen. Trotzdem freut es mich, wenn ich wieder Alternativen habe. Die Mannschaft hat ihre Sache bislang in dieser Situation gut gemacht. Man kann die Spieler packen, wenn man sie an Erfolgserlebnisse erinnert und ihnen ebenfalls Dinge zeigt, die sie verbessern können. Ich habe ein Problem mit der Idee, dass ein Trainer die Spannung erhalten muss. Wenn ich einen jungen, austrainierten Spieler dazu motivieren muss, auf den Platz zu gehen und gewinnen zu wollen, dann hat er den falschen Beruf ergriffen.